Zusammenarbeit zwischen Kita und Eltern: Chancen digitaler Kommunikationswege

Wie wirkt sich die Nutzung einer Kita-App auf die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft aus? Dieser Frage ging die Kindheitspädagogin Laura Radtke im Rahmen ihrer Bachelorarbeit auf den Grund - und gibt uns Einblick in ihre Erkenntnisse.

Eine Erzieherin führt ein Elterngespräch mit einem jungen Elternpaar
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Digitale KitaErzieher:inLeitung
Zusammenarbeit zwischen Kita und Eltern: Chancen digitaler Kommunikationswege Min Minuten Lesezeit

Die Kommunikation zwischen Kita und Elternhaus durch digitale Wege zu ergänzen - dieser Idee folgen immer mehr Einrichtungen. 

Über die Effekte dieser Entwicklung sprechen wir mit Laura Radtke, die drei Rollen in sich vereint: Sie gibt uns Einblick in a) die Erkenntnisse ihrer wissenschaftlichen Abschlussarbeit, b) ihre Erfahrungen als Kita-Fachkraft und c) ihre Perspektive als Mutter eines Kindergartenkindes. 

 

Laura Radtke hat an der FH Erfurt Pädagogik der Kindheit studiert und ihre Abschlussarbeit zum Thema "Kita-Apps: Chancen und Möglichkeiten digitaler Kommunikationswege in der Zusammenarbeit zwischen Kita und Eltern" verfasst. Seit April 2022 arbeitet die staatlich anerkannte Kindheitspädagogin (FH) als Erzieherin in einer Krippeneinrichtung. 

  • Laura, Du hast im Rahmen Deiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit mit erfahrenen Kita-Fachkräften über den Einsatz digitaler Kommunikationswege gesprochen. Wie kam es dazu und was hat Dich daran besonders interessiert? 

Im Zuge der Digitalisierung nehmen digitale Medien spürbar in allen Lebensbereichen eine bedeutende Rolle ein. Nicht nur im Alltag oder im Studium bemerkt man diese Entwicklung. Vor allem wird immer mehr mithilfe digitaler Medien kommuniziert.

Auch Kita-Apps werden vermehrt in Kitas genutzt, um untereinander im Team, mit dem Träger oder mit den Familien zu kommunizieren. Die Kita meines Kindes nutzt seit zwei Jahren eine Kita-App. Daher konnte ich - als Mutter eines Kindergartenkindes - bereits persönliche Erfahrungen mit einer Kita-App sammeln. So wurde auch mein Interesse für das Thema geweckt.

Im Rahmen meiner Bachelorarbeit wollte ich nun - in der Rolle als angehende Kindheitspädagogin - das Thema näher erforschen. Im Mittelpunkt dieser Forschung stand die Frage, inwieweit sich digitale Kommunikationswege auf die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft auswirken. Ebenso wollte ich herausfinden, welche Potentiale aber auch negativen Effekte bei der Nutzung einer Kita-App auftreten können.

Ich führte Expert:innen-Interviews mit sieben Pädagog:innen und der Leitung der Einrichtung meines Kindes durch. So konnte ich, beispielhaft an dieser Einrichtung, einen intensiveren Einblick über die Nutzung und Potentiale sowie Schwierigkeiten bei der Nutzung einer Kita-App gewinnen und der Beantwortung meiner Forschungsfrage näherkommen.

Erkenntnisse der Forschungsarbeit

  • Was hast Du herausgefunden? Worüber sollten sich Kitas beim Einsatz einer Kita-App Gedanken machen?

Vor allem die Haltung der pädagogischen Fachkräfte und der Einrichtungen spielen eine wichtige Rolle. Und dabei ist zum einen die Haltung gegenüber Veränderungen und Innovationen, wie die Digitalisierung verschiedener pädagogischer Aufgaben gemeint und zum anderen auch die Haltung gegenüber den Eltern und Familien. Wie wird die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft in der jeweiligen Einrichtung gestaltet? Was ist den Einrichtungen dabei wichtig?

In einer Partnerschaft steht die Kommunikation immer im Fokus. Allerdings sollte diese bestenfalls auf verschiedenen Kanälen stattfinden, um der Individualität der Familien und dessen vielseitigen Bedürfnissen gerecht werden zu können. Findet man als Einrichtung verschiedene Wege, um mit den Familien in Kontakt zu treten, so steigert sich auch die Qualität der Partnerschaft.

 

  • Inwiefern wirkt sich der Einsatz einer Kita-App konkret auf die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft aus?

Der Einsatz digitaler Kommunikationswege bietet das Potential, die Kommunikation und die Zusammenarbeit mit den Eltern zu ergänzen und auch zu vereinfachen. Die Mehrheit der Familien sind über Smartphones mit der Umwelt vernetzt. So könnte die digitale Kommunikation zwischen den Pädagog:innen und Eltern in den alltäglichen vorhandenen digitalen Kommunikationsstrom mit einfließen.

Dadurch entsteht die Chance, mehr Eltern zu erreichen, die z.B. über klassische Kommunikationswege wie Aushänge oder Elternbriefe eher schwierig oder gar nicht zu erreichen sind. Kita-Apps erleichtern zudem die Kommunikation mit Eltern, die wenige oder keine deutschen Sprachkenntnisse haben. Einige Apps bieten verschiedene Sprachen für ihre Benutzeroberflächen an, was eine Erleichterung für nichtdeutschsprachige Eltern darstellt. Mittlerweile werden auch verschiedene Kita-Apps barrierefrei gestaltet und ermöglichen, im Sinne von Inklusion, allen Familien eine Kommunikation über die App.

Über Mitteilungsfunktionen haben die Pädagog:innen die Möglichkeit, kurze Tages-oder Wochenrückblicke zu verfassen und an die Eltern zu versenden. Dadurch entsteht mehr Transparenz der pädagogischen Arbeit. Die Eltern bekommen einen intensiveren Einblick in den Alltag ihres Kindes und über die Arbeit der Pädagog:innen. Das schafft zum einen die Transparenz, die in einer gelingenden Erziehungs- und Bildungspartnerschaft angestrebt wird, und zum anderen steigert es die Wertschätzung gegenüber den Eltern als Erziehungs- und Bildungspartner.

Durch die Kommentarfunktion, die Eltern von den Einrichtungen freigeschaltet bekommen können, besteht die Möglichkeit, direkt auf Nachrichten der Pädagog:innen zu reagieren und ein Feedback zu geben. Meine Interviews haben dabei ergeben, dass die Feedbacks sich positiv auf die Qualität der Beziehungen ausgewirkt haben. Die Pädagog:innen fühlten sich und ihre Arbeit mehr gewürdigt und wertgeschätzt. Das hat sich wiederrum auf die Qualität der persönlichen Gespräche zwischen Pädagog:innen und Eltern ausgewirkt.

 

  • Gibt es bestimmte Gelingensfaktoren, die für den Einsatz einer Kita-App zu berücksichtigen sind?

Wie man sieht, bieten Kita-Apps zahlreiche Potentiale. Allerdings ist mir aufgefallen, dass die Einführung einer Kita-App gut geplant werden sollte. In der Einrichtung meines Kindes wurde die App eingeführt, ohne vorher den Bedarf im Team und in den Familien zu erfragen. Viele Eltern waren etwas überrumpelt und skeptisch. Einige Pädagog:innen konnten sich nicht damit identifizieren und nutzen die Kita-App daher weniger.

Bei so einem enormen Veränderungsprozess sollten daher bestenfalls alle Beteiligten mit ins Boot geholt werden. Die Schaffung von Transparenz und Beteiligung bieten auch hier in so einem Prozess die Möglichkeit, dass eine positive Haltung entstehen und die Potentiale, die so eine App bietet, effektiv genutzt werden können.

Erfahrungen als Kita-Fachkraft

  • Mittlerweile bist Du selbst in einer Kita tätig. Welche Deiner Forschungserkenntnisse helfen Euch als Kita-Team beim praktischen Einsatz der Kita-App?

Die Einrichtung, in der ich tätig bin, steckte gerade in der Einführungsphase als ich neues Teammitglied wurde. Daher konnte ich mein Wissen, welches ich mir im Laufe meiner Forschung angeeignet habe, sowie meine persönlichen praktischen Erfahrungen, mit in den Prozess miteinbringen.

Ich denke, dass sich meine Erfahrungen und auch meine Begeisterung positiv auf die Haltung meiner Kolleg:innen gegenüber der App ausgewirkt haben. Da ich bereits persönliche Erfahrungen mit der Kita-App sammeln konnte, konnte ich meinen Kolleg:innen und den Eltern natürlich auch bei Nutzungs- oder Bedienungsfragen zur Seite stehen.

 

  • Wie nutzt ihr die Funktionen der Kita-App im Alltag? Welche Effekte ergeben sich für Euch? 

Die Kita-App wird als zusätzliches Kommunikationsmedium mit den Eltern und auch innerhalb des Teams genutzt. Wichtige Termine, Schließtage, Weiterbildungen werden für alle sichtbar eingetragen. Es entsteht keine Zettelwirtschaft mehr und gleichzeitig können Ressourcen wie Zeit und Papier eingespart werden. Eltern und Kolleg:innen haben wichtige Termine immer griffbereit in der App hinterlegt. Die Eltern nutzen die App, um ihre Kinder abzumelden oder krank zu melden. Sie sparen sich dadurch die morgendlichen Telefonanrufe und die Informationen kommen auch genau da an, wo sie hinsollen.

Ich sehe auch den großen Nutzen im Krippenbereich, in dem ich tätig bin. Wir nutzen die App vermehrt in der Eingewöhnungsphase. Eine Eigewöhnung ist nicht nur für das Kind, sondern auch für die Eltern eine aufregende Zeit. Viele Eltern sind verunsichert und wünschen sich gerade in dieser Phase viel Transparenz und Zusammenarbeit. Durch gezielte Nachrichten oder Bilder, die an die Eltern gesendet werden, kann den Eltern das Loslassen etwas leichter gemacht werden. Die Eltern sind dankbar zu wissen, wenn das Kind sich nach der schmerzlichen Trennung schnell wieder beruhigt hat und sich wohl fühlt.

Auch bedeutende Entwicklungsschritte können über die App dokumentiert und mit den Eltern geteilt werden. Wir nutzen meist die Mittagsschlafzeit dafür, kurze Tagesrückblicke oder persönliche Nachrichten an die Eltern zu verfassen. Mittlerweile ist dieser ‚Arbeitsschritt‘ schon im Alltag integriert und nimmt für mich persönlich nicht viel Zeit in Anspruch. Jede Gruppe nutzt die App dabei etwas anders. Manche Gruppen schicken den Eltern nur einmal wöchentlich einen Rückblick. Die Eltern werden dabei vorher immer über die Nutzung der App informiert.

Perspektive als Mutter

  • Du bist selbst Mutter eines Kindergartenkindes und erlebst den Einsatz einer Kita-App auch aus Elternsicht. Worin liegen für Dich die Vorteile, was ist ggf. schwierig?   

Die Vorteile liegen aus meiner Sicht in der Schaffung von mehr Transparenz der pädagogischen Arbeit und des Alltages der Kinder. Die Kinder verbringen den Großteil des Tages in einer Krippe oder Kindertagesstätte. Als Elternteil wünscht man sich gern mehr Einblicke in den Alltag. Eine Kita-App bietet die Möglichkeiten dazu.

Ich bekomme täglich kurze Rückmeldungen über den Tagesablauf oder über besondere Geschehnisse. So habe ich auch immer einen Anhaltspunkt, worauf ich im Gespräch mit meinem Kind aufbauen kann. Denn oftmals bekommt man auf die Frage‚ wie es im Kindergarten war, nur die Antwort "schön" zu hören. Doch ich kann gezielter nachfragen und ich erlebe den Kita-Tag nochmal aus Sicht meines Kindes erzählt. Das finde ich persönlich sehr schön. Ebenso finde ich es gut, dass ich wichtige Termine immer in der App abrufbar habe und nicht nach dem Zettelchen suchen muss auf dem ich mir die Information vor Wochen einmal aufgeschrieben habe.

Als schwierig empfinde ich es, wenn die Nutzungsregeln von Gruppe zu Gruppe variieren. Mein Kind wechselt jedes Jahr in eine andere Gruppe mit neuen Erzieher:innen. Und jede Gruppe hat andere Regeln, wie oft und wofür die App von den Pädagog:innen genutzt wird. Meiner Meinung nach sollten die Eltern dabei mehr mit einbezogen werden und mitentscheiden, für was die App gebraucht wird und wie sie gemeinsam genutzt werden soll.

Empfehlungen für die Praxis

  • Was würdest Du den Einrichtungen raten, die erwägen, eine Kita-App einzusetzen?

Es wäre schön, wenn noch mehr Einrichtungen die Angst vor etwas Neuem, Innovativem verlieren. Vor Allem im Bereich der frühkindlichen Bildung ist die stetige Reflexion und Weiterentwicklung der pädagogischen Fachkräfte wichtiger Bestandteil. Durch die Digitalisierung öffnen sich nun neue Türen, auch in diesem Bereich. Und hinter diesen Türen stecken viele Potenziale, die genutzt werden sollten. 

Viele Einrichtungen nutzen bereits digitale Kommunikationswege in Form von WhatsApp-Gruppen. Allerdings werfen solche Messenger-Dienste erhebliche datenschutzrechtliche Fragen auf. DSGVO-konforme Kita-Apps stellen eine datenschutzrechtlich abgesicherte Alternative dar.

Wichtig ist auch zu sagen, dass die Kommunikation über Kita-Apps nicht die persönlichen Gespräche mit den Familien ablösen sollen. Persönliche Gespräche stehen immer im Fokus einer guten Zusammenarbeit. Daher sollten im Team und auch mit den Familien gemeinsame Nutzungsregeln festgelegt werden, damit die Potentiale effektiv genutzt werden können. Und auch diese Regeln sollten regelmäßig reflektiert und den Bedürfnissen der Familien und der pädagogischen Fachkräfte angepasst werden.

Fazit von Jasmin Block

Die gelingende Zusammenarbeit zwischen Kita und Elternhaus nimmt in der Elementarpädagogik einen hohen Stellenwert ein. Sie ist wichtig, damit eine positive Atmosphäre entsteht, in der sich Kinder und Familien wohl fühlen und Bildung und Entwicklung stattfinden können. Die Praxiserfahrungen zeigen, dass die Qualität der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft aktiv gefördert werden kann, wenn digitale Wege ergänzend und zielgerichtet eingesetzt werden. Damit zahlt die Verwendung einer Kita-App auch auf die Prozess- und Orientierungsqualität in der Elternarbeit ein.