Teilhabe durch Digitalisierung: Inklusive Sprachlern-App in der Kita

Inklusion ist, wenn alle mitreden können. Deshalb braucht es niederschwellige Alternativen zur Lautsprache. Wie erleichtern digitale Medien die Unterstützte Kommunikation im Kita-Alltag? Anke Schöttler gibt uns Einblick in die EiS-App.

Ein 4-jähriger Junge lächelt mit leuchtenden Augen sein Gegenüber an und nutzt unterstützend seine Hände
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Phil (4) schaut freundlich, legt seine Hand ans Kinn und senkt sie dann mit sanftem Schwung nach vorne und unten. "Danke, Luise!" sagt er strahlend. Ganz selbstverständlich und ein bisschen stolz begleitet er seine Worte mit Gebärden. Das hat er in seiner Kita gelernt.

Sprachbildung wird in Kitas groß geschrieben. Doch nicht alle Kinder können sich lautsprachlich ausdrücken - und haben trotzdem etwas zu sagen. Inwiefern kann eine App in der Kita für mehr Teilhabe und Inklusion sorgen?

 

Anke Schöttler ist Initiatorin der EiS-App und Mitgründerin der Wörterfabrik für Unterstützte Kommunikation. "Ich lebe in Hamburg und stoße mit meinem Sohn jeden Tag auf Kommunikationsbarrieren. Deshalb bin ich vor sechs Jahren zur Sprachlern-App-Entwicklerin geworden", sagt sie. Davor hat sie lange als Projektmanagerin bei newsaktuell, einer dpa-Tochter (Deutsche Presse-Agentur) gearbeitet. Sprachen und Kommunikation faszinieren sie seit jeher, deshalb hat sie Französisch, Spanisch und Germanistik studiert.

  • EiS-App - das steht für "Eure inklusive Sprachlern-App". Welcher Gedanke steckt dahinter? 

Eure inklusive Sprachlern-App – kurz die EiS-App – ist ein digitales Tool für die Unterstützte Kommunikation.

Die Idee zur App ist aus meiner persönlichen Erfahrung innerhalb der Familie entstanden. Mein Sohn Lasse lebt mit dem Down-Syndrom. Um teilzuhaben und sich verständlich zu machen, profitiert er vom lautsprachunterstützenden Einsatz von Gebärden.

Als ich mich 2017 auf die Suche nach einer App gemacht habe, mit der wir als Familie einen gemeinsamen Grundwortschatz an Gebärden aufbauen können und die Lasse eigenständig bedienen kann, bin ich nicht fündig geworden.

Auf einem Hackathon der ZEIT zum Thema “Zukunft der Bildung” habe ich die Idee präsentiert, meine EiS-Team-Kolleg:innen gefunden und seitdem entwickeln wir die inklusive Sprachlern-App gemeinsam – größtenteils ehrenamtlich.

 

  • Klasse, dass Sie die Teilhabe fördern. Und ein prima Beispiel, wie man mit der Digitalisierung viel Positives bewirken kann. Wie muss ich mir die EiS-App konkret vorstellen?

Die EiS-App sensibilisiert für unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse. Die Inhalte sprechen unterschiedliche Sinne an und zeigen Alternativen zur Lautsprache auf. Begriffe werden multimodal dargestellt: 

  • durch METACOM-Symbol,
  • Wort,
  • Audio und
  • Gebärdenvideo.

Die Auswahl der Gebärden richtet sich nach dem großen Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache aus dem Kestner Verlag.

Das Gebärden-Team besteht aus Kindern mit und ohne Behinderungen, die die Gebärden lautsprachunterstützend einsetzen. Es sind Kinder dabei, deren Muttersprache Deutsch ist, und Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen.

Bei der Entwicklung war uns wichtig, dass die Navigation in der App so einfach ist, dass auch Nutzer:innen mit anderen Lernmöglichkeiten (Selbstbezeichnung von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung) sich leicht zurechtfinden. Das Design kommt bewusst ohne ablenkenden Schnickschnack wie Feenglitzer oder Einhornstaub aus.

Es gibt keine Zugangsvoraussetzung für die Nutzung: weder Lese-, noch Schreibkompetenz oder Gebärden-Vorkenntnisse werden vorausgesetzt. Die EiS-App ist sowohl auf Android- als auch auf Apple-Geräten einsetzbar und nach initialem Download der Inhalte offline verfügbar.

 

Die EiS-App in der Kita

  • Auch in der Kita sind Teilhabe und Inklusion wichtige Themen. Können denn Kita-Kinder schon selbständig mit der EiS-App arbeiten? Oder ist es eher ein Arbeitsmittel für die Erzieher:innen?

Digitale Geräte haben eine besondere Anziehungskraft auf Kinder. Wenn die Apps, die genutzt werden, barrierearm gestaltet sind, können alle Kinder teilhaben, egal welche Voraussetzungen sie mitbringen.

Deshalb sind die Kinder aus dem inklusiven Gebärden-Team der EiS-App auch die ersten Tester:innen für Weiterentwicklungen und werden als wichtige Feebackgeber:innen gehört und ernst genommen.

Außerdem werden die Gebärdendarsteller:innen der EiS-App zu Rollenvorbildern für die Nutzer:innen. Sie können sich mit ihnen identifizieren. So wird ein Peer-to-Peer Empowerment ermöglicht und das soziale Umfeld für den Einsatz von Gebärden sensibilisiert.

Das Ziel der EiS-App ist es, Begegnungen zu schaffen, interdisziplinären Austausch zu fördern und die Möglichkeiten der Kommunikation sowohl am Bildungsort (Kita / Schule) als auch in der Freizeit und in der Familie auszubauen.

 

  • Also können alle mit der EiS-App arbeiten. Und wie kann man die EiS-App zum Beispiel im pädagogischen Kita-Alltag einsetzen?

Die EiS-App kann im Kita-Alltag mit allen Kindern gemeinsam im Morgenkreis eingesetzt werden, um die Gebärden zu suchen, die im Lieblingslied oder -spiel vorkommen. Die Gebärde der Woche kann gemeinsam mit den Kindern ausgesucht und immer wieder nachgeschlagen werden.

Auch in der Einzelförderung sowie in der Logo-, Ergo-, Physio- und Kunsttherapie ist die EiS-App eine niedrigschwellige Unterstützung. Es bietet sich zum Beispiel an Memory-Spiele aus der EiS-App zu basteln, bei Fotoprojekten die Gebärdenbilder als Lernstütze zu integrieren, Farben-Spiele mit der EiS-App zu begleiten…

 

  • Gute Tipps, die sich gut und einfach umsetzen lassen! Und ein Beitrag zu früher Medienbildung sind...

Der hohe Aufforderungscharakter des digitalen Tools lädt die Kinder im Alltag ein, selbstständig in der EiS-App zu stöbern, im eigenen Tempo Gebärden anzuschauen und so oft zu wiederholen, wie sie es brauchen.

Bei Ausflügen kann die EiS-App immer dabei sein. Dank der offline Verfügbarkeit der Inhalte fehlen auch bei einem Projekttag im Wald weder die Worte noch die Gebärden.

Auch in die Elternarbeit kann die EiS-App als niedrigschwellige Kommunikations-Unterstützung einbezogen werden.

 

Praxiserprobt in Pilot-Kitas

  • Es gab bereits Pilot-Kitas, die die Anwendung der EiS-App getestet haben. Was war das Resümee?

Besonders positiv bewertet wurden vor allem folgende Punkte:

  • die einfache, kindgerechte Gestaltung der App,
  • die Darstellung der Gebärden durch verschiedene Kinder, 
  • die verschiedenen Kanäle, die angesprochen werden (Schrift, METACOM-Symbol, Gebärde, Ton), 
  • Kinder können selbstbestimmt und gemeinsam mit der EiS-App lernen, 
  • Inspirationen und Spiele, wie die Symbole und Gebärden im Alltag mit Freude von allen Kindern geübt werden können, 
  • Vernetzungstreffen mit den Pilot-Kitas.

 

  • Gute Kritiken also für die Gestaltung und Handhabung der App! Und wie wirkte sich der Einsatz der lautsprachenunterstützenden Kommunikation auf das soziale Miteinander aus? 

Aus dem Kita-Alltag wurde berichtet, 

  • dass Kinder untereinander durch die Gebärden ins Gespräch kamen und die Kommunikation sich verbessert hat, 
  • dass einige Kinder ein Spiel daraus gemacht haben sich gegenseitig Gebärden zu zeigen, 
  • dass Kinder stolz waren sich gegenseitig mit ihrem Gebärdenwissen zu unterstützen,
  • dass viel mehr Kinder und Erzieher:innen Gebärden im Alltag eingesetzt haben. 

 

Die Vision: Bildung und Teilhabe für alle

  • Ich hoffe, dass viele Kitas die Chancen der EiS-App erkennen und ausprobieren. Was wünschen Sie sich für die zukünftige Entwicklung der EiS-App? 

Für die Weiterentwicklung der EiS-App wünsche ich mir noch mehr Kooperationen mit Kita-Trägern, so dass möglichst viele Kinder früh mit unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten und -bedürfnissen in Berührung kommen.

Wenn sie schon in der Kita dafür sensibilisiert werden, dass man sich auch über Symbole und Gebärden verständigen kann, können sie auch auf ihrem weiteren Bildungs- und Lebensweg kompetent auf Sprachbarrieren reagieren.

Die wissenschaftliche Begleitforschung wäre sehr interessant für die EiS-App, um auch langfristig den Nutzen zu evaluieren.

Außerdem sind wir immer auf der Suche nach Fördermitteln, um zu gewährleisten, dass die App nachhaltig wachsen kann.

 

  • Wie sehen sie die aktuelle Entwicklung der Kita-Landschaft, auch im Hinblick auf Inklusion, Bildung und Teilhabe? 

In Bezug auf die Kita-Landschaft finde ich es einen fatalen Fehler, seitens der Politik das Programm der Sprach-Kitas in Frage zu stellen oder gar abzuschaffen.

Inklusion funktioniert nicht ohne Mittel und eine vielfältige Gesellschaft lebt von Kommunikation, Begegnungen und dem gegenseitigen Verständnis für Bedürfnisse und Barrieren.

 

  • Angenommen, ich möchte die EiS-App nach diesem inspirierenden Interview gerne unterstützen: Wie kann ich aktiv werden? 

Um im Gespräch und im Austausch zu bleiben, lade ich alle Interessierten in die EiS-Diele ein: https://www.eis-app.de/eis-diele/

Die EiS-Diele ist ein kostenloses monatliches Online-Treffen in dem es um Themen wie Inklusion, Gebärden lernen, Unterstützte Kommunikation in Kita, Schule, Familie und Freizeit geht. Wir laden jeden zweiten Donnerstag im Monat Projekte, Menschen und Institutionen ein, zu erzählen, wie sie sich für eine vielfältige Gesellschaft einsetzen.

 

  • ... und natürlich, die EiS-App einfach mal herunterzuladen und auszuprobieren! Das ist kostenfrei und beinhaltet 10 Begriffe - genug, um ein Gefühl für die Möglichkeiten zu bekommen. 

Fazit von Jasmin Block

Digitale Medien wie die EiS-App unterstützen die inklusive Arbeit in der Kita. Durch das Zusammenspiel von Symbolen, Gebärdenvideos, Audios und Schrift wird niemand ausgegrenzt. Davon profitieren nicht nur Kinder ohne expressiven Sprachschatz, sondern alle. Unterstützte Kommunikation, per App niederschwellig und spielerisch gefördert, sensiblisiert Kinder und Erwachene für eine inklusive Haltung. 

Die vorgestellte App ist ein gutes Beispiel für mehr Teilhabe durch Digitalisierung. Auch eine Kita-App kann inklusiv wirken, z.B. durch die Übersetzungsfunktion: So können auch nicht-deutschsprachige Familien ganz unkompliziert mit der Kita kommunizieren. Das fördert die Transparenz und das Vertrauen und zahlt auf die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft ein.

Digitalisierung, richtig eingesetzt, bietet Bildungschancen für alle. 

Mehr Infos zur EiS-App finden Sie auf der Website: www.eis-app.de

Die EiS-App steht zum kostenfreien Download mit 10 Begriffen in den App-Stores zur Verfügung. Den gesamten Wortschatz gibt es im Abo: https://www.eis-app.de/eis-app-abo/