Meine beste Freundin ist ein Mann

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Ein platonischer Freund – geht das?!

Ein großer Vorteil am ganzen Umziehen von Nord nach Süd sind all meine Bekanntschaften, die ich über diese Zeit machen durfte. Ein großer Nachteil an dem ganzen Umziehen ist, dass aus vielen Bekanntschaften keine Freundschaften werden konnten, weil die Nähe und die Zeit nicht gereicht haben. Ich habe noch nie ein Brautkleid mit einer Freundin ausgesucht und ich habe keinen Stammtisch, mit dem ich in den Urlaub fahre. Einfach, weil ich nie die engste Freundin bin, sondern oft nur „die Bekannte“. 
Ich gehe auch Essen und treffe mich mit Mädels – aber immer, wenn es um die beste Freundin geht, bin ich raus. Denn DIE eine Beste konnte ich nie werden.
Das hat mir eine lange Zeit sehr zu schaffen gemacht. Besonders hier im Sauerland sind Schulfreunde, Stammtische und Cliquen ein großes Thema. Die meisten sind noch immer hier – oder nach dem Studium zurück gekehrt. Keiner hat auf mich gewartet und die Kreise sind eng verbunden. 

Frisch getrennt im Sauerland, ohne Familie im Rücken oder Freunde stand ich damals also da. Mädels häufig kritisch, da ich ja Single war und somit eine „Bedrohung“ der bestehenden Cliquen-Rangordnung. Fiese Lästerattacken, böse Worte und statt offener Arme erlebte ich oft Ausgrenzung. Spoiler –  Natürlich gab es einzelne Ausnahmen, keine Frage – aber die Erfahrung war im Großen und Ganzen sehr negativ für mich. Wer mich allerdings mit offenen Armen empfangen hat, ist mein heutiger bester Freund. 
Männer scheinen da einfacher zu sein. In ihren Kreisen ist immer Platz für nette Menschen und eine Rangordnung spielt keine Rolle. Als ich ihn in einer Kneipe kennenlernte und er mir Platz und Bier anbot ahnte ich nicht, dass dieser Mann einmal so wichtig in meinem Leben werden würde. Seit diesem Kennenlernen war immer an meiner Seite. An einer platonischen von Anfang an. Besprochen, für beide Seiten immer klar und offen. 

Wir haben gemeinsam gefeiert, geweint und er hat mir geholfen wann immer ich ihn brauchte. Wenn ich ein Date hatte, war sein Handy auch nachts auf laut. Wenn ich krank war auch. Und ich wusste immer, dass seine Schulter da ist, wenn ich eine starke brauchte. Ich schreibe in der Vergangenheit – es ist aber auch heute noch so. Er ist Patenonkel meiner mittleren Tochter und trotz viel Arbeit auf allen Seiten schaffen wir es immer nah dran zu sein und zu bleiben. Wir waren zusammen im Urlaub, haben in einem Bett geschlafen und ein Teil meines Herzchens gehört ihm – wie gesagt: rein platonisch von beiden Seiten und von der ersten Sekunde an. 

Als klar war, dass er seine Herzdame gefunden hat und heiraten wird, hat er mich gefragt, ob ich mit ihm sein „Brautkleid“ kaufen möchte. OK, es war sein Anzug, aber gefühlt war es so groß wie der Kauf eines Brautkleides. Wir haben oft darüber gesprochen, wie weh es mir tut nie so nah dran zu sein, sondern immer als „Beobachter“ von außen auf die Dinge zu blicken. Aber hier war ich kein Beobachter. Hier war ich DIE Freundin. Es war ein toller Tag mit Essen, Anzug und Schuhen. Ihn da stehen zu sehen und zu wissen, dass er seiner Sandra (ja, sie heißt auch so) in diesem Outfit das Ja-Wort geben wird, hat mich richtig gerührt. 

Ein Mann als Freund – das geht doch nicht. Doch, denn Freundschaft hat kein Geschlecht.
Freundschaft besteht aus Herz und Hirn. 

Was mir heute klar ist, man muss in keinen Kreisen sein. Man braucht keinen riesen Kreis. Man braucht weniger als eine handvoll Herzmenschen, die nicht laut sind, sondern häufig leise im Hintergrund. Aber immer da, wenn man sich umdreht.

Wann habt ihr euren Herzmenschen zuletzt gesagt, dass sie euch wichtig sind? Ganz besonders den Leisen? In diesen Minuten schreibe ich meinen – „Wie schön, dass du mein Leben so bunt machst.“ Denn das tun sie.